Samstag, 7. Juni 2008

Kino der wahren Begebenheit


Wer von uns kennt das nicht. Man sitzt in der S-oder U-Bahn und findet die ganze Szenerie in selbiger auf einmal völlig skuril.
Menschen, zusammenhangslos gezwungen, einen bruchteil ihres Lebens zusammengefercht auf wenigen Quadratmetern gemeinsam zu verbringen.
Geht man in einen Laden, begegnet man sich, ist man mehr oder minder gezwungen, oder wahrt die Etikette durch ein kleines "Guten Tag" an der Kasse, der Kuchentheke, im Wartezimmer etc. In der Bahn ist das anders. Weder grüßt man noch wird man gegrüßt.
Man steigt ein, setzt sich und plötzlich wird der Punkt an der Wand, der Papierschnipsel auf dem Boden, die herumkullernde Flasche unter dem Sitz oder die schlecht designten Werbeplakate zu einem der interessantesten Dinge auf der Welt. Und dann, ganz plötzlich , aus dem Augenwinkel sehen wir, was uns eigentlich interessiert. Unseren Gegenüber. Wir mustern ihn, in der Hoffnung, dass er es nicht bemerkt, bewerten still den Modestil, die Frisur, seine Art zu sitzen und nicht zuletzt den Ausdruck in seinen Augen.
Schaut das Objekt unseres Interesses jedoch zurück, fühlen wir uns ertappt. Sofort wandert der Blick zurück zur Flasche, die inzwischen wieder nach links gerollt ist.
Ich frage mich, woran es liegt, dass wir inkognito sehen wollen und wir uns manchmal regelrecht angegriffen fühlen, wenn jemandes Blicke auf uns verweilen.
Vielleicht denken wir, der andere will uns etwas wegnehmen, bewertet uns, wir haben etwas im Gesicht, und eben dewegen wollen wir auch lieber im verborgenen Gucken, weil wir das Gefühl des anderen kennen. Wer will schon gern in die Position des Voyeurs rücken. Dabei sind wir es, oder?

Ich bin heute einmal ganz bewusst in diese Rolle geschlüpft, denn sich unbeobachtet fühlende Menschen sind wie sie sind. Ihnen entgleiten sprichwörtlich einmal die Gesichtszüge, denn wer sollte es merken.

Da haben wir eine Frau, die wild gestikulierend in ihr Handy brüllt, einen jungen Mann, der versucht, den Tagesspiegel in ein handgerechtes Format zu bekommen, ihm Vis a Vis ein anderer Mann, der sich mit der Literatur Isabell Allende quält. Zu meiner linken mein eigenes Spiegelbild, die weissen Stöpsel im Ohr warte ich auf die nächste U-Bahn station und neue nach unten hängende Mundwinkel, die mein Leben für ein paar Stationen unter Tage einer Metropole streifen. Ich sehe eine Frau, die Mühe hat,ihren großen grauen Koffer in der Waggon zu zerren, andere die ihr anteilnahmslos dabei zusehen, keiner regt sich. Würde sie das überhaupt erwarten? Oder sind wir schon so sehr daran gewöhnt, dass wir gerade zu schockiert wären, wenn doch jemand hilft. Ich bleibe sitzen. Eine andere Frau rennt die Treppe runter und kommt dem roten Leuchten einer sich schließenden Tür zuvor. Schwer atmend setzt sie sich neben mich. Kramt in ihrer Tasche. Sie duftet nach Blüten nach Frühling. Ich sehe in ihr Gesicht. Nur kurz. Sie scheint fröhlich. Ich sehe die Menschen, und ihre Gesichter. Es ist ein Samstag Mittag in der nie müde werdenden Stadt. Ich frage mich, wohin die Leute fahren. Manche strahlen die Freude auf eine Verabredung aus, andere die Freude auf einen ruhigen Abend, wieder andere warten vergeblich auf eine Verabredung. Viele verbringen den Abend allein. Kurz bevor auch ich die Bahn verlasse, sehe ich die Hoffnung. Ein altes Ehepaar, er steht , sie sitzt, beide Hand in Hand sieht sie hoch zu ihm und auch nach so vielen Jahren, die sie sicher schon zu ihm gesehen hat, scheint er es nicht müde, ihren Blick mit einem Lächeln zu quittieren.
Sie sehen mich an und sie sehen, dass ich sie sehe.
Ich steige aus und ich weiß, dass ehe die Tür sich schliessen wird, die beiden mich vergessen haben.

Keine Kommentare: