Ich denke schon seit langer Zeit über die Bedeutung des Wortes Vergebung nach. Sicher befand sich jeder schon einmal in beiden Rollen, die unabdingbar zueinander stehen. Einer der vergibt und einer , dem vergeben wird.
Doch was bedeutet Vergebung folglich. Wer brauch sie, hat sie eine Grenze und vor allem, wie lange dauert sie? Kann das jeder?
Gut, zumindest scheint sie immer subjektiv, denn die Geister scheiden sich, wenn man fragt, ob es Dinge gibt, die ein Leben lang unvergeben bleiben. Einige stimmen dem zu, andere wenden sich vehement dagegen und faszinierender Weise kommt hier das Wort „Gott“ zum Einsatz. Und spätestens dann wird die Angelegenheit kompliziert.
Nicht nur, dass es unzählige Arten der zwischenmenschlichen Beziehung gibt, dass es tausende von Dingen gibt, die einem der beiden Schmerz zufügen, auf den dann „irgendwann“ die Vergebung folgt, nein, all das reicht nicht, wir haben noch das transzendente Medium, auf das viele gerne zurückgreifen, wenn gar nichts mehr geht.
Die Frage geht weiter. Was muss man überhaupt tun, um einen Anspruch auf Vergebung zu haben, hat man je überhaupt einen „Anspruch“ darauf, oder kann man nur nach besten Wissen und Gewissen sein Bedauern zum Ausdruck bringen und die Zeit ihr übriges tun lassen?
Zeit, ein weiterer Faktor , den es zu bedenken gilt. Nichts geschieht sofort. Und hier sehe ich eine besondere Schwierigkeit. Der Mensch befindet sich Zeit seines Lebens mehr oder weniger im Sumpf der Konflike. Jeder, der schon einmal diese Art von Schmerz erlitten hat, weiß, dass es Zeit braucht um die Dinge für sich zu sortieren, ihnen Namen zu geben und sie schlussendlich einzusortieren in den grossen Schrank der Erinnerungen, die uns prägen. Manche glauben ihr Leben lang, ein Ungleichgewicht der Erinnerungen zu haben, wenn man sie in gute und schlechte unterteilt. Und bei vielen von ihnen mag das auch stimmen. Im Grunde bei allen, denn jeder hat nun einmal seine eigene Wahrheit. Manchmal kann es da ratsam sein, noch einmal zu überblicken, was man hat, was wo gelandet ist und ob man nicht doch vielleicht das ein oder andere nun umpacken kann. Denn manches Unglück kann sich als ein Glück herausstellen und ja, leider, auch umgekehrt.
Man fragt sich, worin ich die Schwierigkeit sehe. Folglich in der Zeit zwischen der Zeit. In den Momenten, in denen man vergisst, das einst farbige Bild ergraut, mehr und mehr verzehrt wird. Und am Ende nur noch ein verschmiertes Acryl zu sehen ist. Das mag manchmal gut und vielleicht auch lebenserhaltend sein, nicht umsonst ist es dem Menschen so zueigen, zu vergessen. Aber manchmal kann es auch eine Strafe sein. Nicht nur für den , der auf seine Vergebung wartet , sondern auch für den der sie geben will. Weil beide nun eine völlig konträre Zeichnung ihrer Geschichte haben, in der man sich nur schwerlich trifft. Wo vorher kleine inhaltliche Differenzen waren, die es in der besten Beziehung gibt, wird hier die ganze Zeichnung angezweifelt. In der Beziehung ist es noch die Windel, die stinkt. Hinterher das ganze Kind.
Es kann also passieren, dass zwei Menschen mit einer ähnlichen Zeichnung auseinander treten und nachdem die Zeit ihrer Flügel ausgebreitet hat, merken Sie, dass nichts mehr zusammen geht. Ein verständlicher Prozess der uns in völliges Unverständnis stürzt.Wir verzweifeln fast an den Dingen und folglich den gehaltvollen Vorwürfen, die im Gespräch nach der Zeit einschlagen , wie eine Bombe.
Es ist nicht nur die Zeit an sich, die dieses Phänomen vervorbringt, sondern die Zeit, die beide haben, den anderen zu dämonisieren, eben weil er schlechterdings das Wohlwollen des anderen durch sein „Leid zufügen“ entäußert hat.
Man teilt die Gedanken nicht mehr, weil man nicht beieinander war und mindestens einer von beiden das auch gar nicht mehr will.
Doch, ohne das vergeht keine Zeit, die dafür Arbeit, sie verflattert. Ohne das bleibt der Schmerz . Ohne Trennung kann man sich nicht wiedersehen, ein Wiedersehen, bei dem die Gemüter, nachdem sie noch einmal erhitzt sind, allmählich ruhen können, und das einste Desaster ad acta gelegt wird, unvergessen sicher immer in der Erinnerung verankert und prägend gleich noch mit dazu, aber nicht mehr glühender Lasterstein zwischen den beiden Menschen.
Kann sie das nicht sein, die Vergebung?
Aber ehe dies geschieht, muss man sich selber vergeben haben, wenn man der Reue ehrlicher Träger ist, so ist man befähigt, dies zu tun, so findet sie statt. Aus sich selbst heraus.
Ob der andere dies je wirklich tut, liegt jedoch schlussendlich in seiner Hand. Um sich ehrlich zu erinnern braucht es zwei, das sehen wir schon beim Abendmahl. Das Gebet und das Wiederfinden des eigenen Wertes jedoch, dazu sind wir allein im Stande. Und wenn man das schafft, tut es nur halb so weh, die Vergebung des anderen vielleicht nie zu bekommen.
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