Mittwoch, 25. Juni 2008

Und täglich grüßt das Murmeltier.


Dies hier war ein Themenwunsch, dem ich nun endlich nachkomme.

Hier also nun eine kleine Gedankenlawine zum Sprichwort: Man merkt erst dann, was man hatte, wenn man es verloren hat.

Es wundert wohl keinen, dass daran etwas ist, schließlich kann man es auf nahezu alle Situationen unseres Lebens projizieren. Und Wertschätzung dessen, was sich in unmittelbarer Umgebung befindet, darin tun sich nicht wenige schwer.

Der Mensch gewöhnt sich eben schnell. An die Aussicht aus dem Wohnzimmerfenster, die luxuriöse Badewanne, den besten Freund, ja, den eigenen Partner.

Irgendwann wird all das mehr und mehr zum Inventar des eigenen Lebens. Gegenstand des täglichen Seins. Wir haben es einfach, es gehört uns. Ganz selbstverständlich setzen wir uns an den gedeckten Frühstückstisch , und würdigen die einfallende Morgensonne zusammen mit unserem , sich in der Scheibe spiegelnden gegenüber keines achtsamen Blickes, denn die Zeitung will gelesen werden. Schließlich muss man als Mann und Frau von Welt doch wissen, was die Welt uns zu sagen hat. Ehe wir uns versehen, ist der Toast runtergewürgt, der letzte Schluck in der Kaffeetasse längst kalt und das Tageswerk will vollbracht werden. Manchmal haben wir Glück und die Zeit reicht noch für einen Kuss auf die Stirn, aber das ist eher selten.

Und Jahr um Jahr kleidet sich die Natur von neuem und wirft , ehe man es merkt alle längst eingefärbten Blätter wieder von sich. Und alles was bleibt ist unser Klagen, weil es entweder zu kalt , zu nass oder zu heiss ist.

„Das ist ja auch alles kein Wunder“ denken wir uns „im Sumpf der globalen Erwärmung“, während wir an der Tankstelle stehen und das Zahlenrädchen sich hinter uns unaufhörlich dreht.

Abends sind wir entweder allein , beim Partner, den Freunden oder anderen. Und nur selten erinnern wir, dass es mit jedem dieser Menschen eine allererste Begegnung gab.

Wo auch immer, unter welchen Umständen, gewollt oder ungewollt, muss es sie gegeben haben. Und sicherlich haben wir uns viel einfallen lassen, und keine Mühen gescheut, damit der ein oder andere heute den Platz in unserem Leben einnimmt, den wir uns für ihn vor Zeiten erdacht haben. Wie glücklich waren wir, in diesen Momenten, da der erste Blumenstrauss kam, oder ausging, der beste Freund das erste Mal weinte und tröstete, die erste Flasche Wein gelehrt wurde.

Erinnern wir uns an die Aufregung 5 Min. vor der ersten Verabredung?

An die Kleiderauswahl in der Stunde vor den 5 Minuten?

Was haben wir uns ins Zeug gelegt.

Und heute Abend kommt man nach Hause, lässt die Tasche auf den Boden fallen und der warme Kuss bleibt, auch heute wieder, aus.

Der Anruf beim besten Kumpel, mit dem wir damals beim ersten Bier so gelacht haben, findet heute, wie gestern, ebenfalls nicht statt. Denn er versteht das doch. Freunde verstehen schließlich alles und seine Problemchen sind eh gemessen an den eigenen , keine.

Und im Grunde will man einfach nur seine Ruhe, weil alles so furchtbar monoton geworden ist und man im Grunde seines Herzens darauf wartet, dass das Glück an der Tür klingelt und man noch einmal das spürt, was man damals schon gespürt hat. Das längst vergangene Glück vor der Zeit,und von der sich in ihr ausbreitenden Gewohnheit zerfressen, sitzt man da, guckt durch den Spiegel hindurch und hat aufgehört, sich nach der anderen Person im Raum umzudrehen. Schließlich ist sie auch morgen noch da.

Gähnend verlässt man den Tag und hat keine Zeit mehr, sich einen Traum zu wünschen, ehe der Wecker erneut zum Appell ruft.

Ist dies nun der Tag, da man sich umwendet und es einen wie ein Blitz durchfährt, wenn man merkt. Der Raum ist leer.

Als erstes fehlt der gedeckte Tisch, dann die Zeitung und über die Zeit endlich der andere selbst.

Das Erinnern beginnt und mit ihr der Wehmut. Vielleicht setzt hier endlich die Wertschätzung ein. Dessen was man hatte.

Fährt die Bahn nur einmal in der Stunde weinen sie der Zeit nach, in der sie alle 2 Minuten kam.

Es ist schmerzlich, denn, ganz gleich ob es nur die Gewohnheit trotz Liebe oder selbige mit sinkendem Gefühl ist, die uns trennt, in beiden Fällen greifen wir ins Nichts.

Und dann, nach einiger Zeit, steht vielleicht wieder jemand im Raum, vielleicht die Person, die ehemals schon dort stand, vielleicht eine andere, eine neue, an der man sich gar nicht satt sehen kann.

Endlich wartet man wieder sehnlichst auf den Anruf des besten Freundes, findet man wieder eine Station, in der die Bahn aller 2 Minuten fährt.

Wen packt da nicht die Angst vor dem Tag, an dem auch das wieder Alltag ist.

Der Mensch versucht sich gegen das böse Gefühl der Gewohnheit zu wehren.

Ich möchte nicht sagen, dass beispielsweise eine Hochzeit ein Mittel gegen Langweile ist. Aber der Mensch liebt die Steigerbarkeit der Dinge. Und sicherlich sind diese Spannend.

Man will mehr und mehr. Nicht umsonst streben wir so gern und werden schnell unglücklich, wenn wir resignieren.

So folgt auf einen Blick ein Wort, auf eine Berührung ein Kuss, auf eine Emotion eine Beziehung und wenn man es dann noch will auf eine Verlobung die Ehe.

Stufe um Stufe erklimmen wir. Und je höher man kommt kommt, umso größer der Balanceakt und umso schmerzlicher der Fall.

Sehen wir hin und wieder herunter, sehen wir, dass nicht nur wir all das zurückgelegt haben, sondern auch noch jemand mit uns. Fragen wir uns, warum das so ist. Erinnern wir uns an die Motivation des ersten Schrittes.

Wieder herab zu steigen vermag manchmal gut und nötig zu sein, so traurig dies auch ist. Nicht mehr zu erinnern, wieso wir überhaupt da sind, wo wir sind, hingegen, ist ein Trauerspiel.

Sonntag, 8. Juni 2008

Wartezeit

Ich denke schon seit langer Zeit über die Bedeutung des Wortes Vergebung nach. Sicher befand sich jeder schon einmal in beiden Rollen, die unabdingbar zueinander stehen. Einer der vergibt und einer , dem vergeben wird.

Doch was bedeutet Vergebung folglich. Wer brauch sie, hat sie eine Grenze und vor allem, wie lange dauert sie? Kann das jeder?

Gut, zumindest scheint sie immer subjektiv, denn die Geister scheiden sich, wenn man fragt, ob es Dinge gibt, die ein Leben lang unvergeben bleiben. Einige stimmen dem zu, andere wenden sich vehement dagegen und faszinierender Weise kommt hier das Wort „Gott“ zum Einsatz. Und spätestens dann wird die Angelegenheit kompliziert.

Nicht nur, dass es unzählige Arten der zwischenmenschlichen Beziehung gibt, dass es tausende von Dingen gibt, die einem der beiden Schmerz zufügen, auf den dann „irgendwann“ die Vergebung folgt, nein, all das reicht nicht, wir haben noch das transzendente Medium, auf das viele gerne zurückgreifen, wenn gar nichts mehr geht.

Die Frage geht weiter. Was muss man überhaupt tun, um einen Anspruch auf Vergebung zu haben, hat man je überhaupt einen „Anspruch“ darauf, oder kann man nur nach besten Wissen und Gewissen sein Bedauern zum Ausdruck bringen und die Zeit ihr übriges tun lassen?

Zeit, ein weiterer Faktor , den es zu bedenken gilt. Nichts geschieht sofort. Und hier sehe ich eine besondere Schwierigkeit. Der Mensch befindet sich Zeit seines Lebens mehr oder weniger im Sumpf der Konflike. Jeder, der schon einmal diese Art von Schmerz erlitten hat, weiß, dass es Zeit braucht um die Dinge für sich zu sortieren, ihnen Namen zu geben und sie schlussendlich einzusortieren in den grossen Schrank der Erinnerungen, die uns prägen. Manche glauben ihr Leben lang, ein Ungleichgewicht der Erinnerungen zu haben, wenn man sie in gute und schlechte unterteilt. Und bei vielen von ihnen mag das auch stimmen. Im Grunde bei allen, denn jeder hat nun einmal seine eigene Wahrheit. Manchmal kann es da ratsam sein, noch einmal zu überblicken, was man hat, was wo gelandet ist und ob man nicht doch vielleicht das ein oder andere nun umpacken kann. Denn manches Unglück kann sich als ein Glück herausstellen und ja, leider, auch umgekehrt.

Man fragt sich, worin ich die Schwierigkeit sehe. Folglich in der Zeit zwischen der Zeit. In den Momenten, in denen man vergisst, das einst farbige Bild ergraut, mehr und mehr verzehrt wird. Und am Ende nur noch ein verschmiertes Acryl zu sehen ist. Das mag manchmal gut und vielleicht auch lebenserhaltend sein, nicht umsonst ist es dem Menschen so zueigen, zu vergessen. Aber manchmal kann es auch eine Strafe sein. Nicht nur für den , der auf seine Vergebung wartet , sondern auch für den der sie geben will. Weil beide nun eine völlig konträre Zeichnung ihrer Geschichte haben, in der man sich nur schwerlich trifft. Wo vorher kleine inhaltliche Differenzen waren, die es in der besten Beziehung gibt, wird hier die ganze Zeichnung angezweifelt. In der Beziehung ist es noch die Windel, die stinkt. Hinterher das ganze Kind.

Es kann also passieren, dass zwei Menschen mit einer ähnlichen Zeichnung auseinander treten und nachdem die Zeit ihrer Flügel ausgebreitet hat, merken Sie, dass nichts mehr zusammen geht. Ein verständlicher Prozess der uns in völliges Unverständnis stürzt.Wir verzweifeln fast an den Dingen und folglich den gehaltvollen Vorwürfen, die im Gespräch nach der Zeit einschlagen , wie eine Bombe.

Es ist nicht nur die Zeit an sich, die dieses Phänomen vervorbringt, sondern die Zeit, die beide haben, den anderen zu dämonisieren, eben weil er schlechterdings das Wohlwollen des anderen durch sein „Leid zufügen“ entäußert hat.

Man teilt die Gedanken nicht mehr, weil man nicht beieinander war und mindestens einer von beiden das auch gar nicht mehr will.

Doch, ohne das vergeht keine Zeit, die dafür Arbeit, sie verflattert. Ohne das bleibt der Schmerz . Ohne Trennung kann man sich nicht wiedersehen, ein Wiedersehen, bei dem die Gemüter, nachdem sie noch einmal erhitzt sind, allmählich ruhen können, und das einste Desaster ad acta gelegt wird, unvergessen sicher immer in der Erinnerung verankert und prägend gleich noch mit dazu, aber nicht mehr glühender Lasterstein zwischen den beiden Menschen.

Kann sie das nicht sein, die Vergebung?

Aber ehe dies geschieht, muss man sich selber vergeben haben, wenn man der Reue ehrlicher Träger ist, so ist man befähigt, dies zu tun, so findet sie statt. Aus sich selbst heraus.

Ob der andere dies je wirklich tut, liegt jedoch schlussendlich in seiner Hand. Um sich ehrlich zu erinnern braucht es zwei, das sehen wir schon beim Abendmahl. Das Gebet und das Wiederfinden des eigenen Wertes jedoch, dazu sind wir allein im Stande. Und wenn man das schafft, tut es nur halb so weh, die Vergebung des anderen vielleicht nie zu bekommen.

Samstag, 7. Juni 2008

Kino der wahren Begebenheit


Wer von uns kennt das nicht. Man sitzt in der S-oder U-Bahn und findet die ganze Szenerie in selbiger auf einmal völlig skuril.
Menschen, zusammenhangslos gezwungen, einen bruchteil ihres Lebens zusammengefercht auf wenigen Quadratmetern gemeinsam zu verbringen.
Geht man in einen Laden, begegnet man sich, ist man mehr oder minder gezwungen, oder wahrt die Etikette durch ein kleines "Guten Tag" an der Kasse, der Kuchentheke, im Wartezimmer etc. In der Bahn ist das anders. Weder grüßt man noch wird man gegrüßt.
Man steigt ein, setzt sich und plötzlich wird der Punkt an der Wand, der Papierschnipsel auf dem Boden, die herumkullernde Flasche unter dem Sitz oder die schlecht designten Werbeplakate zu einem der interessantesten Dinge auf der Welt. Und dann, ganz plötzlich , aus dem Augenwinkel sehen wir, was uns eigentlich interessiert. Unseren Gegenüber. Wir mustern ihn, in der Hoffnung, dass er es nicht bemerkt, bewerten still den Modestil, die Frisur, seine Art zu sitzen und nicht zuletzt den Ausdruck in seinen Augen.
Schaut das Objekt unseres Interesses jedoch zurück, fühlen wir uns ertappt. Sofort wandert der Blick zurück zur Flasche, die inzwischen wieder nach links gerollt ist.
Ich frage mich, woran es liegt, dass wir inkognito sehen wollen und wir uns manchmal regelrecht angegriffen fühlen, wenn jemandes Blicke auf uns verweilen.
Vielleicht denken wir, der andere will uns etwas wegnehmen, bewertet uns, wir haben etwas im Gesicht, und eben dewegen wollen wir auch lieber im verborgenen Gucken, weil wir das Gefühl des anderen kennen. Wer will schon gern in die Position des Voyeurs rücken. Dabei sind wir es, oder?

Ich bin heute einmal ganz bewusst in diese Rolle geschlüpft, denn sich unbeobachtet fühlende Menschen sind wie sie sind. Ihnen entgleiten sprichwörtlich einmal die Gesichtszüge, denn wer sollte es merken.

Da haben wir eine Frau, die wild gestikulierend in ihr Handy brüllt, einen jungen Mann, der versucht, den Tagesspiegel in ein handgerechtes Format zu bekommen, ihm Vis a Vis ein anderer Mann, der sich mit der Literatur Isabell Allende quält. Zu meiner linken mein eigenes Spiegelbild, die weissen Stöpsel im Ohr warte ich auf die nächste U-Bahn station und neue nach unten hängende Mundwinkel, die mein Leben für ein paar Stationen unter Tage einer Metropole streifen. Ich sehe eine Frau, die Mühe hat,ihren großen grauen Koffer in der Waggon zu zerren, andere die ihr anteilnahmslos dabei zusehen, keiner regt sich. Würde sie das überhaupt erwarten? Oder sind wir schon so sehr daran gewöhnt, dass wir gerade zu schockiert wären, wenn doch jemand hilft. Ich bleibe sitzen. Eine andere Frau rennt die Treppe runter und kommt dem roten Leuchten einer sich schließenden Tür zuvor. Schwer atmend setzt sie sich neben mich. Kramt in ihrer Tasche. Sie duftet nach Blüten nach Frühling. Ich sehe in ihr Gesicht. Nur kurz. Sie scheint fröhlich. Ich sehe die Menschen, und ihre Gesichter. Es ist ein Samstag Mittag in der nie müde werdenden Stadt. Ich frage mich, wohin die Leute fahren. Manche strahlen die Freude auf eine Verabredung aus, andere die Freude auf einen ruhigen Abend, wieder andere warten vergeblich auf eine Verabredung. Viele verbringen den Abend allein. Kurz bevor auch ich die Bahn verlasse, sehe ich die Hoffnung. Ein altes Ehepaar, er steht , sie sitzt, beide Hand in Hand sieht sie hoch zu ihm und auch nach so vielen Jahren, die sie sicher schon zu ihm gesehen hat, scheint er es nicht müde, ihren Blick mit einem Lächeln zu quittieren.
Sie sehen mich an und sie sehen, dass ich sie sehe.
Ich steige aus und ich weiß, dass ehe die Tür sich schliessen wird, die beiden mich vergessen haben.

Zeitweilig...

...frage ich mich, wieso nahezu jeder Mensch einen eigenen Internetauftritt hat. Ich sehe es bei Freunden, Bekannten und allen anderen Fremden, die eigentlich keine mehr sind, weil man soweit alles über sie im World Wide Web erfahren darf. Ihr gestrige Abendplanung, ihre Mahlzeit zwischen Arbeit und U-Bahn und nicht zuletzt ihre Sicht der Welt...irgendwo im Gewühl der Adressen, die das virtuelle Medium uns entgegenschleudert. Ist es da nicht fast schon eine Frechheit, sich dem zu entziehen?

Ich werde nun einmal mein Ohr in die Massen werfen und versuchen, zu hören, was die Welt in Atem hält...

...und keine Sorge, dies wird kein Repetitorium des Tagesspiegels, denn dafür habt ihr ja.....den Tagesspiegel...ich interessiere mich mehr für die Dinge, die es nicht in die Zeitung schaffen.