Man stelle sich vor. Sie setzen sich auf eine fremde Toilette, greifen mitten in den Urin des Vorgängers auf der Sitzfläche, bücken sich angeekelt, um sich die Hände am Toilettenpapier abzuwischen, was gerade, als sie danach greifen, auf den Boden gefallen ist, und beim Hochkommen rammen sie sich den Türknauf in den Hinterkopf.
Dieses Szenario fasst in etwa das Wochenende zusammen, was ich gerade hinter mir habe, und es hat mir wieder bewiesen. Schlimmer geht immer. Aber gelacht habe ich dennoch. Und zugegeben, manchmal ist genau das auch alles, was man noch tun kann.
Murphys Gesetze haben alles gegeben. Und so begann das Spiel am Freitag schon mit beeindruckender Durchschlagskraft. Ich habe vollbepackt mit Zelt, Schlafsack etc. im Zug gesessen und darauf gewartet mit meiner Freundin in der Provinz auf einem Festival zu arbeiten.
Das schöne an dieser Geschichte ist die Jungfräulichkeit, mit der man an die Sache rangeht und die Vorstellung, die bis ins letzte nicht der Realität entsprach. „Es wird so schön werden!“ , sagten wir einander und irrten so sehr, wie wir noch nie zuvor geirrt hatten.
Später werden sie verstehen, dass wir direkt am Eingang zum Höllenschlund standen.
Aber wenigstens saß ich nicht allein in der Scheisse.
So saßen wir also im Zug, hörten kleinen Mädchen beim Reimen zu und stiegen irgendwann nach zig mal Umsteigen im Nest Eschwege aus.
Dort angekommen schwitzen wir unter der Last der Taschen und warteten auf den Schuttlebus, der uns und alle anderen zum Festplatz des Open Flair Festivals fahren sollte. Am Festplatz angekommen begann ein Wochenende, von dem ich immer noch nicht glauben kann, dass ich es überlebt habe. J Sagen wir es so : Wir hatten die EREIGNISKARTE.
Wir wussten weder, wo wir genau arbeiten sollten, noch schlafen sollten. Und so taperten wir zum Zeltplatz der Partyleute, der 20 min irgendwo im Nirgendwo lag. Dort angekommen teilte uns „Rainer“ mit: „Du kommst hier nit rein! Weil uns das rote Bändchen fehlte. Nachdem Siggi und Co. uns auch nicht helfen konnten und unser Chef selbst nicht wusste, was los ist, Taperten wir zum einzig anderen Zeltplatz in der Umgebung, ebenfalls 20 min Fußmarsch. Es war ein etwas kleinerer ruhiger Zeltplatz weit vom Festplatz entfernt, auf dem ich alle Taschen von mir warf und bereits Rückenschmerzen Richtung Beckenbruch hatte.
JA! Wir waren richtig. Wir wurden auf eine Parzelle zugeteilt und hatten immerhin noch 2 Stunden Zeit zu „laden“ bis wir auf dem Festplatz sein mussten um für das Wochenende eingewiesen zu werden.
„Komm, eben noch Zelt aufbauen, und dann in Ruhe wieder da hin laufen.“ Und die Misere nahm ihren Lauf. Binnen Minuten färbte sich der Himmel in ein tiefes Grau, und ehe wir das Innenzelt aufgestellt hatten, schüttete es, wie aus Eimern. Wir waren im Ansatz überfordert und der Aufbau entwickelte sich zu einem unbewältbaren Akt. Der letzte Schritt zeigte, dass der erste der falsche war. Erst lachten wir, dann überlegten wir, wir drehten, versuchten, und irgendwann schwiegen wir , bauten alles wieder ab, rammelten die Heringen, die wir unter größter körperlicher Anstrengung in den Betonboden getreten hatten, wieder raus und begannen von neuem. Zum größten Teil vergeblich.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal die erste Begegnung mit dem Besitzer des Nachbarzeltes zitieren:
„ Na? Haben sie Schwierigkeiten?“
„Ehrlich gesagt, ja, und was für welche!“
„Hatte ich beim ersten Mal auch. Tschüss!“
„ÄHHHH???“
Nachdem uns dann ein anderes Paar, was ebenfalls Mühen hatte, eine Eisenstange gab, schafften wir es die Heringe wenigstens im Ansatz in den Boden zu kriegen. Nun stand das Aussenzelt, völlig durchnässt und halb gesichert, wir davor, verschwitzt und müde.
Da die Zeit raste, schmissen wir alle Sachen in das halb aufgebaute Zelt und suchten den Weg zum Festgelände. Wir sahen aus, wie wir uns fühlten und Murphy dürfte diabolisch gelacht haben ….und es kam alles noch schlimmer.
Unser Chef empfing uns und alle anderen angereisten Mitarbeiter eine halbe Stunde zu spät und wies uns ein.
Die Einweisung beschränkte sich auf ein Mitarbeiterbändchen, ein Becks-Tshirt und etwa 10 Androhungen, was er tun wird, wenn wir essen, trinken, reden, rauchen, klauen, atmen etc. Ende der Durchsage.
Zitat: „Trinken is nich und wenn ihr was trinkt und wenns nur ein Schluck is, mir scheiss egal, ich schmeiss euch raus.“ (Zitatende)
Ich musste lachen, weil alle anderen ihr Zelt noch auf dem Rücken trugen, und ich mich fragte, wann sie es aufbauen wollten, wenn wir doch jeden Tag 10-15 Stunden Bier ausschenken sollen. Doch ehe ich mich versah, latschten wir auch schon wieder zurück zum Zeltplatz um den anderen den Weg zu zeigen. Wir verlangten nach Kilometergeld.Dort bauten wir im Trockenen unser 2-Mann Zelt zu Ende auf.
Damit fertig liefen wir erneut den ganzen Weg zurück in einem modisch unterirdischen nachthemdähnlichen Beck´s Shirt, von dem ich mich fragte, ob wir es das ganze Wochenende tragen sollten. Ich nehme hier vorweg – WIR SOLLTEN!
Generell war die Hierarchie eine klare. Frauen bedienen, Männer zapfen. Und geatmet wird nicht. Es gibt die Mittelklasse und die Knechte. Raten sie, wer wir waren. Nach einer Stunde wurden wir abgezogen, weil zu viel Zeit zum atmen war und der Kollege meinte, er melde sich. Und so saßen wir wieder an der Straße und warteten auf irgendetwas. An diesem Punkt angelangt beschlossen wir, Alkohol zu trinken, und so saßen wir vorm Eingang, auf dem Bürgersteig, in einem Beck`s Shirt und tranken - Beck´s. Falls alles noch schlimmer kommen sollte, hatten wir vorsorglich noch eine Flasche Wodka im Gepäck. Ich nehme auch hier vorweg – ES SOLLTE.
Einige Zeit später kam ein Anruf von eher militärischer Natur. „ KOMMT SOFORT ZURÜCK.“
Und so wurden wir dem Todesstand zugeteilt und hörten auf zu atmen. Direkt vis a vis der Bühne gab es nur eins…rennen… ohne Unterlass. Als The Hives ihren Auftritt hatten, gab es kein Nachkommen mehr. Und je später es wurde, desto mehr ließ das Benehmen der Gäste nach. Sie bollerten mit den Bechern auf der Theke rum, um Beachtung zu bekommen, die ich ihnen zwei Strafminuten länger verweigerte. Und gegen eins wurden wir mit einem achtlosen Winken in den Feierabend geschickt. Und erst dann merkten wir, das wir Rücken und Füße hatten. Es war bitterkalt geworden…Wir kletterten über die Theke in die kleine Freiheit, die nach wenigen Sekunden begossen wurde, mit einem erbarmungslosen Regenschauer. Und dann standen wir da, bis auf die Unterwäsche nass, hungrig und müde. Ich glaube, dass ich noch nie so gefroren habe, wie in dieser Nacht. Und alles, was wir hatten, war eine Flasche Wodka.
Da die Taxizentrale völlig überlastet war, mussten wir den Heimweg per pedis antreten. Und zur allgemeinen Freude lagen nicht nur die Pullover und der Regenschirm im Zelt. Nein, auch die Taschenlampe. Wir hatten zwar die Batterien dabei, nicht jedoch die Taschenlampe. So stiefelten wir im strömenden Regen an der Verra entlang durch den dunklen Wald. Am Zelt angekommen, und völlig unterkühlt haben wir uns dann für einen Streit entschieden. Und was wäre schöner, als dann noch ein kleines Gimig, was dem ganzen die Krone aufsetzt. Die Luftmatratze hatte ein Loch und so flogen über die Heringe sämtlicher Nachbarzelte auf der Suche nach einer Luftpumpe. Wir wurden fündig bei dem Mann , der uns verbal so geholfen hatte am Anfang und ich ihn da so gern mit meiner Eisenstange im Vorbeigehen befruchtet hätte. Man erinnere sich : „Schwierigkeiten hatte ich auch . TSCHÜSS!“
Aber so hatten wir Ruhe in dieser Nacht, und lagen zumindest 2-3 Stunden halb gepolstert. Der nächste Tag kann nur besser werden, denkt man sich. Und während ich mich in meinen feuchten Schlafsack igelte, dachte ich an Reue.
Am nächsten Tag wachten wir unter Hitze auf, die Sonne schien erbarmungslos auf unser kleines grünes Zelt und die Kälte der Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Wir fieberten.
Weil wir keine Zeit hatten, am Vortag einkaufen zu gehen, spülten wir den Ärger der vergangenen Nacht mit Wodka runter. Um neun Uhr früh. Es war ein schöner Moment. Da wir bis dato nichts gegessen hatten, beschlossen wir nach der Dusche einkaufen zu gehen. Doch auch das sollte sich als Königsdisziplin erweisen.
Wir stolperten Richtung Innenstadt und standen völlig ideenlos im Supermarkt. Bis uns einfiel, dass wir weder Messer noch Gabel, geschweige denn einen Dosenöffner mit hatten. Was das ganze ungemein einschränkt. Fragen sie an dieser Stelle bitte nicht nach Tellern. Doch eines haben wir gelernt. Gehe niemals nüchtern zu so einer Arbeit. Und so dachten wir, dass das Bier uns nach vorn bringt. Und mit Waffeln und Obst bewaffnet, geschmückt von einer Fischkonserve, einem Glas Würstchen und Brot pilgerten wir zum Zelt zurück und hielten unsere Köpfe in die Sonne. Irgendwann lies sich der Chef dazu herab, uns via SMS zu sagen, dass wir um acht anfangen dürfen, zu arbeiten. Man erinnere sich an die vorherige Ankündigung einer guten Verdienstmöglichkeit. Und nachdem wir mental „geladen“ hatten, traten wir in Aktion ,zogen wieder unsere Becks Shirts an und wanderten – genau –zum Festplatz. Unsere Nachbarn speisten unsere Aktion mit großer Beachtung, da sie uns den ganzen Tag im Zelt liegen und trinken sahen und wir gewirkt haben müssen wie Jogginghose und Alditüte.. Doch diesmal mit Jacken bepackt , die wir vorher im Doppelpack bei C&A erworben hatten, einem Schirm , der Taschenlampe und ja, auch Wodka und Bier. Und da wo wir am Tag zuvor noch im Becks Shirt saßen und Becks tranken, während wir darauf warteten, wieder arbeiten zu können, saßen wir nun mit geschlossener Jacke und tranken Krombacher, und unser Hass stieg. Viele werden sich fragen, wieso zum Henker wir nicht einfach nach Hause gefahren sind. Die Antwort ist einfach, hier ging es nicht mehr ums Geld, hier war Krieg und wir wollten niemandem den Triumph gönnen.
Wir versuchten über die Situation zu lachen, und so hatten wir schon einige Biere getrunken, ehe wir in den Stand gingen, der heute ein anderer war und zusammen mit einem jungen Mann, dem es ähnlich auf die Nerven ging, den Abend verbrachten. An diesem Abend habe ich gezapft, wie noch nie zuvor jemand gezapft hat. Und zu dritt hatten wir sogar so etwas wie Spaß. Hinterher wollten wir feiern gehen, um dem ganzen etwas Gutes abzugewinnen, und nachdem die Ärzte wieder von der Bühne waren und die letzten betrunkenen Feiermeier Richtung Ausgang stolperten, verließen auch wir das Gelände. Setzten uns wieder auf unseren Bürgersteig und tranken Bier mit Jesus, unserem Mitarbeiter, der sich diesen Namen aufgrund seiner Herzensgüte wohlverdiente.
Doch mit Party war im Endeffekt nicht mehr viel, denn diese Nacht war noch kälter und weil wir eh schon Rücken und Füße hatten, wollten wir nicht auch noch Blase kriegen und so verschoben wir das Feiervorhaben auf den letzten Abend und wateten - jep, wieder zurück zum Zeltplatz, auf dem die Matratze darauf wartete, aufgepumpt zu werden und die Würstchen, zu denen ich schon auf dem Heimweg eine telepathische Verbindung hatte, darauf gegessen zu werden. Unser Freund Wodka war auch dabei . An diesem Abend entschied ich mich für Bier und meine Freundin sich für Direktkoma und so lag ich noch eine Weile wach in meinem Schlafsack und bangte auf den kommenden Tag.
14 Stunden später wachte ich auf, und es stank, wie es noch nie zuvor gestunken hatte. Jetzt werden sie denken, es waren die Becks T-Shirts, aber es war etwas anderes, was ich kurze Zeit später auch lokalisieren konnte. Nachdem wir beide wach waren, und dachten, dass Wodka morgens auch nicht anders als abends schmecken kann, und wir unser Leben sowieso hassten, gab es selbigen zum Frühstück. Als ich darauf eine Zigarette rauchen wollte, merkte ich, dass die ganze Schachtel in einer undefinierbaren, nach Wurstwasser duftenden Plürre schwamm. Und ehe ich realisieren konnte, dass das gerade real ist, stolperte meiner Freundin eines ihrer legendären „Hupps“ raus, gekoppelt mit einem verzweifelnden Lächeln, da die gute ein paar Stunden zuvor im Halbschlaf Würstchen gegessen hatte, danach direkt zurück ins Koma fiel, ohne den Deckel auf das Glas zu schrauben und dieses bei der nächst besten Bewegung in die Horizontale kippte.
Ich sage nicht, was ich in diesem Moment gern mit ihr getan hätte. Aber ich dachte dann, dass die Tatsache, dass ihr komplettes Handtuch den Saft aufgesogen hatte, Strafe genug sein muss und empfand es als super Idee, den Wunsch nach einer Dusche zu äußern. Und im Grunde genommen hatte es ja eh nicht schlimmer werden können. Als wir aus der Dusche zurück zum Zelt kamen, und sie die 2 cm Wurstwasserfreie Zone auf ihrem Handtuch vollausgenutzt hatte, saßen unsere Nachbarn gemeinsam draußen und grillten. Ich weiss nicht genau, ob es Mitleid oder etwas anderes war, was in ihren Blicken lag. Also legten wir uns in unser Wurstzelt und zum ersten Mal hatte ich nicht mal mehr Lust, mich zu betrinken. Am liebsten hätte ich mich ins Gras geworfen und auf den Blitzschlag des Herrn gewartet,aber den Gefallen tat er mir an diesem Tag nicht. Meine Freundin hatte unterdessen die sechste Paracetamol im Blut. Sie sagte, sie hätte Zahnschmerzen, ich glaube, sie hätte es nicht anders ertragen und so fristete ich mein Dasein doch noch mit meinem Freund Wodka, wir telefonierten mit der Aussenwelt und wurden depressiv. So saßen wir bei Regen in unserem Wurstwasserzelt, verschmähten aus falscher Bescheidenheit die Grillwurst unserer Nachbarn, die diese uns anboten und hinterher dezent auf den Grill liegen gelassen haben und versteckten uns in unserem Zelt, weil es zu peinlich gewesen wäre, erst die Wurst zu verschmähen und danach auf der Plastikverpackung der Velourmatrazze die Fischkonserve aufzumachen und furztrockenes Brot dabei zu essen. Und nein, auch hier – kein Besteck.
Irgendwann waren wir so weit, nach einem theologischen Grund für diese Reifeprüfung zu suchen. Und weil wir keine Antwort darauf fanden, stand für mich noch mehr den je fest, diesen Abend auszufeiern. Und so stratzten wir ein letztes Mal los. Ich habe dieses Shirt so gehasst, dass ich es erst unterwegs in einer dreckigen kleinen Ecke an einer Brücke angezogen habe. Und jeder kann sich vorstellen, was das für ein Bild gewesen sein muss. Zwischen leeren Bierpullen und Vogelscheisse stehend haben wir uns eine kleine Umkleidekabine geschaffen. Es war zum heulen schön. Wir haben an diesem letzten Abend wieder mit Jesus gearbeitet und kurz nach Mitternacht und einem Streit mit einem 1,50m großen Kollegen- Pöbel, der glaubte, wir seien seine Knechte, haben wir die Todeszone verlassen und das in Bier und Wurstwasser getränkte Shirt hinter einem Auto wieder ausgezogen. Wir haben bei unserem Chef einen Teil des Geldes abgeholt, mitten in der Nacht , hinter einem Hot Dog stand, und bei der Summe und dem Gedanken an die vergangenen seelisch entjungfernden 48 h habe ich kurzerhand einen Lachanfall bekommen. Dieses Ende mussten wir begiessen und so liefen wir geradewegs auf den Tequila Stand zu und lernten bei Tequila und Caipirinja den Zwillingsbruder von Assi Toni kennen, der von Beruf Müllmann war, und ihn dieser Job, nach eigener Aussage, unglaublich HART gemacht hat. Es begann wieder zu schütten und man könnte meinen, es sei ein idyllisches Bild, wie wir da saßen, endlich ganz im Frieden. Doch musste Murphy nicht zum letzten mal seinen nackten Hintern aus dem Fenster halten und so erwischte mich kurz vor Empfindung „Zufrieden“ ein ordentlicher Schwung Regenwasser vom Zeltdach des Standes. Was war die lustige Konsequenz – ich zog wieder mein Becks Shirt an. Jetzt musste getrunken werden. Wir knöpften dem Chef des Ladens noch eine große Flasche Tequila ab und zogen weiter, suchten uns Freunde, die eh schon nicht mehr konnten und tranken ..SIERRA….
Natürlich haben wir unterwegs unsere Zigaretten verloren. Warum auch nicht und so freundeten wir uns auf der Suche nach einem Automaten noch mit der Security an und pinkelten vor irgendeine Hauswand, weil wir auf Krawall gebürstet waren und mir verboten wurde mit dem Schlüssel am Auto unseres Chefs langzugehen.
An dieser Stelle und bevor ich zum krassen Teil des Abends komme ein Hinweis .
EIGENTLICH sind wir gesittete Menschen.
Wir wollten nun endlich einmal zum Zeltplatz , auf dem die Feiermeier wohnten , aber weil wir dekadent sind und Füße hatten, haben wir uns ein Taxi gerufen, mit dem wir dann erst zur Tankstelle gefahren sind um weiteren Alkohol zu kaufen und danach Richtung Zeltplatz. Auch hier lachte Murphy wieder, denn wir sind wieder nicht auf den Platz gekommen. Und weil Rainer gerade nicht da war haben wir mitten in der Nacht „Helga“ gebrüllt und uns vor den Zaun des Zeltplatzes gesetzt und ein bisschen Ost- West Feeling getankt. Es dauerte nicht lange und ein betrunkenes Paar kam, was auf dem Weg zum nahegelegenen Baggersee war und fragte uns wieso wir nicht einfach den Zaun auf illegale Weise passieren würden. Gesagt- getan. Und so wateten wir über den nassen Rasen auf der Suche nach einer Community , die uns bespaßt. Die Community fanden wir. Und was für eine. Umgeben von unzähligen leeren Bierflaschen, einem kaputten Planschbecken, saßen sie zusammen. Bestehend aus einem selbsternannten Kanzler, einem stummen Lebenslegatheniker, einem Geflecht von 4 Händen, was sich über den Boden kugelte und verschlang, einem nüchternen Depressivum, einigen undefinierbaren Gestalten, einer Überehrenamtlichen und einem 17- jährigen Lachsack und ja, schliesslich aus Jesus und uns. Die Sonne ging auf, Jesus war schlafen gegangen und ich krachte im Vollrausch mit meinem Stuhl um, während meine Freundin rauchte wie ein Weltmeister. Und hier und da floß das Bier noch. Hinter uns die Leute die inzwischen WiEDER wach waren und lieber nicht an unserem Gespräch teilhaben wollten. Es wäre sicherlich unter einem gewissen Pegel keine Bereicherung gewesen. Und so gönnte uns Murphy diese Stunden und als die Sonne wieder Hoch am Himmel stand machten wir uns mit dem letzten Bier zu zweit auf den Heimweg um das Wurstwasserzelt einzutüten und die Heimreise anzutreten. Ohne meine Freundin wäre ich an diesem Morgen wahrscheinlich in der Heide gestorben. Es muss ein witziges Bild gewesen sein, wie ich auf das Wasser des Baggersees zugerannt bin, meine Bierflasche dabei das zeitliche segnete und ich in meiner volltrunkenen Euphorie dachte, ich sei am Mittelmeer und kurz davor über meine eigenen Füße gestolpert bin und plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Sie rief mich und so richtete ich mich wieder auf und während wir am Wasser lang gingen und ich an dieser Stelle ein paar kleine Details auslasse, fanden wir uns auf einmal IM See wieder.
Ich weiss nicht, ob sie diese deutschen Fernsehproduktionen kennen, in denen irgendwelche Jugendlichen auf so kleinen Holzflößen liegen und tiefschürfende Konversation betreiben. Zumeist mit Robert Stadlober in der Protagonisten Rolle. Und zumeist auch wirklich schlecht. Genau auf so einem Holzfloß wollte ich schon immer einmal liegen und während wir schwammen, fanden wir so eines, kletterten darauf und blieben eine Weile liegen. Die tiefschürfende Konversation blieb aus, zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran, aber es entschädigte mich für jeden schwarzen Augenblick, von denen es eine gute Auswahl gab und erfüllte mir einen kleinen Wunsch. Wieder an Land merkten wir, dass wir weder Handtuch noch etwas anderes dabei hatten und so stapften wir in Unterwäsche völlig betrunken über den Campingplatz auf unser Zelt zu und raten sie, wer gegenüber draussen saß?? – Die Nachbarn, bei denen der entstandene Eindruck des Wochenendes von uns nun sicher perfekt war. Davon unbeeindruckt ließen wir uns auf die luftleere Matratze fallen, führten Telefonate, an die wir heute kaum noch Erinnerung haben und begingen einen riesen Fehler- Schlafen.
Eine Stunde später rüttelte Murphy am Zelt. Guten Morgen Realität, der Zug fährt weg. Ich habe noch nie so schnell geduscht und ein Zelt verpackt. In rasender Geschwindigkeit rammelten wir in unserer Parzelle rum und schockten unsere Nachbar mit vorabendlicher Aktivität ohne Becks Shirt.
Eine Stunde bevor der Zug fuhr waren wir fertig, nicht nur mit dem Gepäck, sondern auch mit den Nerven. Ich rief ein Taxi, das nie kam. Ein anderes, das auch nie kam. Und so riefen wir schliesslich Jesus an und sagten, dass wir diesen Zug nicht mehr kriegen werden. Doch er wäre nicht Jesus, wenn er nicht 5 min später mit dem Auto seines Verwandten um die Ecke gekommen wäre. Wir streckten Murphy die Zunge raus, stiegen ein und Murphy wurde so aktiv, wie er noch nie zuvor aktiv war.
Wir sahen den Zug noch aus dem Bahnhof fahren, als wir aus dem Auto stiegen. Und so saßen wir mit ein paar selbsternannten Gitarristen an einem Montagmittag in der Sonne. Die Taxen waren überlastet, die Autovermietungen ausgebucht und wir saßen wieder da, wo wir vor drei Tagen ankamen. An der Pforte zur Hölle.
Und diese drei Tage haben uns die perfekte Ausbildung für einen Job im Hades geboten.
Murphy winkte uns noch hinterher und neben unseren Kinderseelen hielt er noch 2 Dinge in der Hand. Ihren Haustürschlüssel und meine Jacke.
Was für ein Wochenende. Danke Scholli ! J Ich werde mich revanchieren.
Dienstag, 12. August 2008
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